"Es tut mir in der Seele weh"

Veröffentlicht auf von Alice

einzelne Berichte aus web.de
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Anfang September haben wir unseren Usern eine einfache, aber sehr persönliche Frage gestellt: "Wo waren Sie am 11. September 2001?" Die Resonanz war überwältigend: Uns erreichten so viele Emails, dass wir gar nicht alle veröffentlichen können. Wir danken jedoch allen Teilnehmern, dass sie ihre doch sehr emotionalen Erinnerungen mit uns geteilt haben. Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Dossiers.

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1)

Am 9.11.2001 kam ich gegen 14.30 Uhr von meiner Umschulung nach Hause. Ich machte mir etwas zu essen. Das Radio lief, aber ich habe nicht so genau zugehört, deshalb dachte ich erst, es würde ein neuer Katastrophenfilm vorgestellt.

Der Beitrag war aber zu lang für eine Rezension, deshalb hörte ich genauer hin. Es hieß, ein Turm des World Trade Centers würde brennen. Ich schaltete den Fernseher ein, um mir die Sache anzusehen. Uli Wickert hat moderiert und er war ganz fertig, das konnte man sehen.


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Irgendwann kam dann die Nachricht, dass auch der zweite Turm brenne, und dass ein Flugzeug hinein gerast sei. Die spektakulären Bilder vom Anflug und Aufprall des Flugzeugs gab es aber erst ein oder zwei Tage später. Mein erster Gedanke damals war: "Oh mein Gott, wenn so etwas möglich ist, dann ist alles möglich, dann gibt es keine Sicherheit mehr." Mein zweiter Gedanke war allerdings: "Das ist doch nichts neues, das kennst du doch." Ich habe sexuellen Missbrauch überlebt, das hat eine ähnliche Wirkung.

- Anonym -


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2)

Zum Zeitpunkt des Anschlags auf das World Trade Center befand ich mich gerade hinter dem Mond. Nun, nicht wirklich, aber zumindest kam es mir so vor. An diesem Tag hatte ich nämlich gerade festgestellt, dass die Handwerker, die in meiner Wohnung Dämmplatten installiert hatten, dabei das Sat-Kabel gekappt und, diesen Umstand raffiniert verbergend, dessen traurige Reste in die Buchse zurückgestopft hatten.

So war ich also ohne Empfang, abgeschnitten vom Rest der informierten Welt, als der Anruf eines Freundes kam, ich sollte doch dringend den Fernseher einschalten. Dort gab es dann ein Schneegestöber zu sehen, und zwei Hochhäuser und eine riesige Rauchwolke zu erahnen. Es schien irreal, fast so, als hätte sich mein Freund mit den Handwerkern verschworen, um mir einen üblen Streich zu spielen. Doch das Radio und die Zeitung am nächsten Tag bestätigten: Es war tatsächlich geschehen. Und doch... Real war es erst, als ich dann später die bewegten Bilder sah.

- Anonym -


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3)

Ich lag mit Grippe zuhause und schaute TV, doch erst der Anruf meines Mannes gegen 17 Uhr veranlasste mich zu zappen und ich sah auf RTL die Meldung und Bilder. Im ersten Moment dachte ich, das ist ganz klar ein Witz, das kann nicht wahr sein, es wirkte wie ein Hollywood Streifen!

Ich legte sofort eine Video-Kassette ein und nahm stundenlang alles auf. Das Video kann ich mir aber bis zum heutigen Tage nicht mehr ansehen, aber ich hatte damals das Gefühl, das ist Geschichte, das musst du aufnehmen. Bis ca. zwei Uhr nachts haben wir nicht mehr weggeschaut. Bis heute steigen mir immer noch Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Grauen und Entsetzen darüber sind immer da.

- Fee Flanigan -

4)

Ich saß am Tag der Anschläge in einem Jumbo von United Airlines auf dem Flug von Sydney nach Los Angeles. Drei Stunden vor der Landung in LA spürte man plötzlich, dass sich etwas verändert. Die Flugbegleiter waren plötzlich sehr komisch, plötzlich stand ein Sky-Marshall vor der Tür zur Kanzel und wir wurden aufgefordert, möglichst unsere Sitze nicht mehr zu verlassen. Ansonsten gab es keine Informationen.

Nach der Landung am frühen Vormittag Ortszeit wurde der Flieger nicht ans Gate gefahren, sondern auf einer Vorfeld-Position geparkt. Man sagte uns, dass unsere Anschluss-Flüge gecancelt seien und dass wir zu diversen Hotels gebracht würden. Aber sonst gab es keine weiteren Mitteilungen.

Im Flughafen selbst war es sehr ruhig, da wir offenbar einer der letzten Flüge waren, die hereingekommen sind. Ich rief meine Frau in Deutschland an und fragte, ob irgendwas passiert sei. Dann hatte ich endlich eine Information über die Katastrophe.

Ich war dann eine knappe Woche in einem Hotel nahe des Flughafens. Diese Zeit war schrecklich. Man saß wie gelähmt vor dem Fernseher und sah sich die endlosen Wiederholungen der Flugzeug-Einschläge ins World Trade Center an.

Da ich Senator bei der Lufthansa bin, hatte ich das Glück, dass man mich auf den ersten Lufthansa-Flug nach Frankfurt gebucht hat, der nach Ende des Flugverbots nach Deutschland zurück geflogen ist.

- Klaus Rassinger, Wiesbaden -


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5)

Am 11. September 2001 verbrachte ich mit meiner Familie einen wunderschönen, ruhigen Sommertag an einem Strand an der Cote d'Azur. Als wir abends gegen sechs Uhr zu unserem Ferienappartement zurückkehrten, empfingen uns schon unsere Nachbarn mit Ausrufen wie: "Die Welt geht unter!", "Zehntausende von Toten in den USA", "Es herrscht Krieg."

Es herrschte große Verunsicherung, da es in den Appartements kein TV-Gerät gab. Mit einem mitgebrachten Radio versuchten wir über den Deutschlandfunk mehr in Erfahrung zu bringen. Es war schwierig. Das erste Bild, das ich sah, war ein ein Foto in einer französischen Zeitung am folgenden Tag. Dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt: ein junger Farbiger, der sich an eine Art Matratze oder Decke gekrallt aus einem der oberen Stockwerke des WTC in die Tiefe stürzt.

- G. Förster -


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6)

Ich erinnere mich an den 11.September 2001, als wäre es gestern gewesen. Damals war ich zwölf Jahre alt. Meine Mutter war mit meinem acht Jahre jüngeren Bruder in Kur. Es war ein ganz normaler Schultag. Um 15 Uhr kam ich aus der Schule, stellte meinen Rucksack in meinem Zimmer ab und ging dann ins Wohnzimmer. Dort saß mein Vater vor dem Fernsehgerät. Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmt. Die Fernsehbilder sprachen ebenfalls für sich. Es wurde ein Flugzeug gezeigt, welches in ein hohes, ein sehr hohes Gebäude, flog. Ich wusste gar nicht, was und wo das war.

Mein Vater erzählte mir, dass es einen Flugzeugabsturz in Amerika in einen Turm des World Trade Centers gegeben hätte. Ich wusste gar nichts mit dem Begriff anzufangen, fand es natürlich trotzdem total schlimm. Um 16 Uhr musste ich zum Konfirmandenunterricht. Dort wurde schon wild diskutiert und spekuliert, was denn wohl passiert sein könnte. Nach einer Stunde ging ich wie gewohnt wieder nach Hause.

Als ich das Wohnzimmer betrat, saß mein Vater in der selben Position wie zuvor. Er guckte wie hypnotisiert auf den Bildschirm, die Augen keinen Moment abgewandt. Er sagte in einem total ruhigen Ton, dass ein zweites Flugzeug in das zweite World Trade Center geflogen sei und man jetzt von einem Terroranschlag ausgehe. Ich war geschockt. Ich war zwölf Jahre alt, wusste überhaupt nicht, was passiert. Ich hatte vorher noch nie etwas von dem World Trade Center gehört, wusste gar nichts mit dem Wort Terroranschlag anzufangen. Ich setzte mich aufs Sofa und guckte mir immer wieder die Bilder von den Flugzeugen an, die in die Türme flogen. Irgendwann kam noch mein Bruder hinzu, der damals zehn Jahre alt war. Es war unglaublich, immer wieder diese Bilder anzusehen.

Als dann noch ein Flugzeug ins Pentagon stürzte und dann der erste Tower einstürzte, war das alles erst recht nicht mehr zu glauben. Es waren grausame Bilder, unbegreifliche Bilder. Es folgte der Absturz in Pennsylvania und der Einsturz des zweiten Towers. Ich weiß noch ganz genau, dass abends ein Film mit Cher kommen sollte, "Meerjungfrauen küssen besser". Ich hatte mich so auf den Film gefreut. Anstelle dieses Films lief den ganzen Abend RTL. Den ganzen Abend saß Peter Kloeppel im Studio. Den ganzen Abend liefen dieselben Bilder auf dem Bildschirm. Immer und immer und immer wieder flogen die Flugzeuge in diesen Turm.

Abends schrieb ich in mein Tagebuch, was passiert war, auch, wenn ich es selbst noch nicht verstanden hatte. Ein unglaublicher Tag ging vorbei. Ein Tag voller weinender, schreiender, hilfloser Menschen im Fernseher. Wir alle waren fassungslos über das, was passiert war. Niemand wusste, welche Konsequenzen dieser Terroranschlag auf das Weltgeschehen habe könnte. Würde es jetzt einen dritten Weltkrieg geben? Würden jetzt auch Angriffe auf Deutschland passieren? Aus Panik überlegten wir, meine Mutter und meinen Bruder aus der Kur abzuholen. Wenn etwas Schlimmes passieren sollte, wollten wir auch zusammen sein.

Den nächsten Schultag werde ich auch nie vergessen. Die Stimmung auf den Straßen war sehr komisch. Man hatte das Gefühl, dass alle Menschen nur von diesem Ereignis sprachen. Als ich auf die Schule zukam, hörte ich schon viele Schüler über den Terroranschlag reden. Aus allen Ecken hörte man nur "World Trade Center", "Terroranschlag", "unbegreiflich" usw. Die erste Stunde hatte ich bei meinem stellvertretenden Klassenlehrer, der mehrere Zeitungen mit hatte. Wir setzten uns in einen Kreis, er zeigte uns die Zeitungsartikel und fragte uns, ob wir wüssten, was dort passiert ist und ob wir wüssten, was das World Trade Center war. Durch das Gespräch näherten wir uns dem Geschehen, wir verstanden, wenn auch nicht alles, was passiert war, wer wahrscheinlich dahintersteckte und wieso gerade diese Ziele ausgewählt wurden. An normalen Unterricht war gar nicht zu denken.

Nach der dritten Stunde ungefähr gab es einen Schweigemarsch zum Rathaus, an dem unser Bürgermeister reden sollte. Es war eine erdrückende Stille auf dem Weg dorthin. Alle hielten ihre Köpfe nach unten. Wir schlichen durch die Straßen. Am Rathaus angekommen sah man ein Meer aus Kerzen und Blumen, überall fassungslose Gesichter, weinende Menschen, ob groß oder klein. Alle waren tief betroffen. Es war ein schrecklicher Moment. Ich werde es nie vergessen.

Ich habe jedes Jahr wieder an diesen schrecklichen Tag gedacht. Dass es dieses Jahr schon zehn Jahre her sein soll, ist kaum zu glauben. Es kommt mir vor wie gestern. Wenn ich heute die Bilder, Filme oder Dokumentationen über diesen Tag sehe, bekomme ich immer noch Gänsehaut und Tränen in den Augen. Es ist und bleibt unbegreiflich. Diese Dokumentationen fesseln mich immer wieder vor dem Fernseher, an umschalten ist gar nicht zu denken. Ich glaube, dass ich diesen Tag in meinem Leben niemals vergessen werde. Er darf einfach nicht in Vergessenheit geraten.

- Julia Klyscz, 22 -


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http://www.thomas-ruetzel.de/bilder/WTC.jpg




 



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